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Reiten historisch headline
Reiten im Damensattel headline

Das Reiten im Seitsitz hat seinen Ursprung schon in den Anfängen der Reiterei. Zunächst einmal war es sicher eine bequeme Variante des Transportes.  In den Zeiten, in denen das Pferd  eine große militärische Bedeutung hatte, galt der Seitsitz aber auch als Symbol der "Friedfertigkeit". Kunsthistorisch belegt ist die Darstellung von Göttinnen, hochgestellten Damen der Gesellschaft aber auch von Geistlichen, die im Seitsitz ritten.

Die ersten schriftlichen Quellen die auf den Seitsitz Bezug nehmen finden sich im Mittelalter. Im 12. Jahrhundert dürften sich auch die ersten Seitsättel aus der Sattelform der Sambue entwickelt haben.  Die Sitzposition der Damen zu Pferd war in dieser Zeit sehr zur Seite orientiert. Die Sättel waren eher Sitzkissen mit einem Fußbrett an einer Seite. Die erste bekannte Darstellung einer Reiterin die sich komplett in Reitrichtung wendet, stammt aus der Zeit um 1500. Albrecht Dürer zeigt seine "Dame (...und der Landsknecht)" höchst detailliert in einer nahezu modernen Sitzhaltung. Das sichtbare Horn dürfte aber eher der vordere Sattelknauf sein, als ein Horn, wie wir es heute vom historischen Gabelsattel kennen.

Trotzdem finden wir auch hundert Jahre später wieder Abbildungen von Damen die komplett seitlich ritten, bzw. auf ihren Reittieren geführt wurden oder im normalen Sattel, wie ihn die Herren verwendeten, ritten.


Im 16. Jh. entstand auch die erste Reitmode für Frauen, die sich sehr stark an der Garderobe der Männer orientierte und somit sehr viele militärische Elemente und Details aufwies. Diese Tradition gilt ungebrochen bis heute.



     

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Es gab im Lauf des Zeitalter des Barock und des Rokoko immer wieder Damen, die sich intensiv mit dem  Erlernen der Reitkunst beschäftigten -  oft taten sie dies aber im englischen Sattel, da die  verfügbaren Seitsättel der Zeit, auch unter den Reitmeistern, als unzureichend galten.  Nach heutigem Wissensstand dürfte es schon eine beachtliche Leistung gewesen sein, im Galopp überhaupt auf dem Pferd zu bleiben, von Reitkunst kann da kaum die Rede gewesen sein.

Im 18. Jahrhundert tauchten nachweislich die ersten so genannten Gabelsättel auf, die eine erhebliche Verbesserung darstellten. Nun waren Frauen zu Pferd deutlich unabhängiger, konnten viel besser in Reitrichtung sitzen und machten sich nicht selten auf der Jagd einen Namen.

Von Marie Antoinette, der französischen Königin, weiß man, dass sie sich zu offiziellen Anlässen und auf offiziellen Darstellungen im Damensattel zeigte. Privat, fern der kritischen Beobachter schien sie aber den zu ihrer Zeit bereits verbreiteten "englischen Sattel" der Herren zu bevorzugen.

 

Nach der französischen Revolution begann die wahre Blütezeit der Amazonen. Das Reiten im Damensattel wurde populär und das Großbürgertum mit seiner Sehnsucht nach Historie hat dies in unzähligen romantisierenden Gemälden und Stichen festgehalten.

Das revolutionäre  "Einschraubhorn", dessen Erfindung verschiedenen Herren zugesprochen wird, hat  seinen Siegeszug in Paris begonnen, da die Herren Baucher und Pellier  das Jagdhorn in den 1830er Jahren  in schriftlichen Dokumentationen und Reitlehren erwähnten und damit auch professionell verbreiteten. Mit dieser Neuerung war der Sitz der Reiterin auf dem Damensattel endgültig gefestigt und ein völlig unabhängiges  Reiten möglich.

 

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Mit Elisabeth von Österreich, die als Stilikone ihrer Zeit über die Mittel und Möglichkeiten verfügte, um ihren Traum "die beste Jagdreiterin aller Zeiten" zu werden, zu verwirklichen,  fand  eine ganze Generation von Damen besserer Herkunft den Weg in den Sattel. Reitende Frauen waren nun ein alltägliches Bild auf den Schauplätzen des eleganten Lebens und im Jagdfeld, zumal Reiten der beliebtesten Zeitvertreib der gehobenen Gesellschaft war. Dass aber die Entdeckung der Sportlichkeit der Frauen in der zweiten Hälfte des 19. Jahrhunderts zeitgleich mit dem einsetzenden Prozess der weiblichen Emanzipation stattgefunden hat, ist sicher kein Zufall.

Ab der Jahrhundertwende traten Frauen auch auf dem Turnierplatz gegeneinander an. Wobei man interessanterweise die Prüfungen im Regelfalle nur für "Pferde aus herrschaftlichem Besitz" ausschrieb.

Der erste Weltkrieg veränderte Europa. Die deutsche Aristokratie, die damit zu kämpfen hatte, dass Deutschland nun keine Monarchie mehr war, versuchte das angeschlagen Selbstbewusstsein mit sportlicher Leistung wettzumachen.

 

Das Turnierwesen in Europa war nun sehr ausgeprägt und in den Starterlisten der Turniere finden sich erstaunlich viele Reiterinnen. Frauen, wie Herta Rau oder Käthe Franke,  die oft sowohl im Damensattel, wie auch im englischen Sattel hoch erfolgreich ritten.  

Auch im Jagdfeld ritten mehr Frauen denn je. Viele davon aber durchaus noch im Damensattel, weil ihre Herkunft ihnen die Umstellung auf den englischen Sattel aus Gründen der Etikette verbot.

 

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Doch nach und nach setzte sich der englische Sattel bei den Damen durch. Sie konnten leichter auf- und absitzen, waren unabhängiger und besonders beim Springen über höhere Hindernisse boten sich deutliche Vorteile gegenüber dem Damensattel. Darüber hinaus war es weit weniger kompliziert einen passenden Sattel für die oft diversen Pferde, die man damals zur Verfügung hatte, zu finden. 
 
Und somit fiel dieses Jahrhunderte alte Stück Reitkultur nach dem zweiten Weltkrieg in einen Dornröschenschlaf, aus dem es erst in den 1970er Jahren  wieder erweckt werden sollte - mit der Gründung der ersten Damensattelvereine.

Seitdem ist viel passiert. Heute gibt es Vereine für das Reiten im Damensattel in ganz Europa, Amerika, Australien, und Neuseeland. Es finden Turniere statt und Damensattel-Schaubilder ziehen auf großen wie kleinen Events das Publikum in ihren Bann. Eine Tradition wird gepflegt und vor dem Vergessen bewahrt - und zwar nicht nur im Sinne der äußeren Form - der eleganten Erscheinung, sondern auch inhaltlich - als Ausdruck des Wunsches fein und respektvoll zu Reiten.

So ist das, was für  privilegierte Frauen früherer Jahrhunderte sicher auch ein Stück Emanzipation gewesen sein mag,  für die Reiterinnen heutiger Tage: Traditionsempfinden, Romantik und eine sportliche Herausforderung.


©B.Keil 2009